von Heinz-Paul Bonn
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9. Mai 2026
2026 ist das Jahr, in dem sich der Einsatz von künstlicher Intelligenz deutlich auf den Arbeitsmarkt auswirkt. Dabei geht es nicht nur um die Frage, wie viele Arbeitsplätze durch KI entstehen und wie viele wegfallen. Es geht auch um die Gestaltung der Arbeitswelt von heute und morgen. Welche Auswirkungen das auf mittelständische Unternehmen haben kann, zeigt dieser Beitrag. Vom Low Coding zum No Coding Man kennt das aus Action-Filmen: Kurz vor dem Showdown dringen die Protagonisten unter größten Opfern in den Computerraum der Bösewichte ein und ein (meist dicklicher, blasser und bebrillter) Nerd überreißt in wenigen Augenblicken den über den Bildschirm fließenden Quellcode, lässt dann seine Finger in Windeseile über eine Tastatur fliegen, um mit ein paar Code-Zeilen die bereits aktivierte Weltuntergangs-Bombe zu stoppen. Alternativ wird auch schon mal per Spracheingabe der Computer davon überzeugt, zur guten Seite zu wechseln. Das gelingt immer drei Sekunden, bevor die Uhr abgelaufen ist... Nichts könnte weiter von der Realität entfernt sein. Vor allem die hochkomplexen Anwendungssysteme, die in Unternehmen die Geschäftsprozesse steuern, verfügen über zahllose für den Außenstehenden nur schwer zu erkennende Fernbeziehungen zwischen den einzelnen Funktionen, die eine schnelle adhoc-Anpassung an neue Begebenheiten praktisch unmöglich machen. Meist muss dann ein Anwendungsentwickler des Software-Herstellers gerufen werden, der nach einer Bedarfsermittlung ein Pflichtenheft und einen Kostenvoranschlag erstellt, sich nach der Genehmigung zurückzieht und im Idealfall innerhalb der festgesetzten Zeit mit einem Update rüberkommt. Agil ist das aber nicht. Deshalb versprechen viele Anbieter von Unternehmenslösungen und Anwendungsentwicklungsumgebungen, dass auch Fachkräfte im Unternehmen, die nicht über Programmierkenntnisse verfügen, neue Funktionen entwickeln können, indem sie einfach nur per Drag and Drop Beziehungen zwischen Objekten, Funktionen und Prozessen herstellen. Low Code verspricht einen Königsweg in die DevOps, also die Verzahnung von Development und Operations innerhalb einer Organisation. Schon heute greifen hier KI-gestützte Entwicklungsumgebungen an, indem sie den gesamten Prozess des Software-Developments von der Strategie über die Architektur schließlich bis zum fertigen Code begleiten. Das könnte in den kommenden Jahren so weit führen, dass moderne KI-Anwendungen nur noch aus einer Datenbank-Ebene bestehen, auf deren Daten einzelne KI-Agenten zugreifen und arbeiten. Das wäre das Ende der heutigen Büroarbeit, in der in Masken geklickt und Daten nach dem CRUD-Prinzip bearbeitet werden (Create, Read, Update, Delete). Mit „No Code“ KI-Anwendungen entstünde damit eine völlig neue Anwendungslandschaft, die die Arbeitswelt im Unternehmen grundlegend verändern könnte. Schluss mit klassischen Bürojobs Laut Milo Honegger, Director AI Business Value beim Software-Konzern Oracle, wird sich dadurch aber nicht nur die Software im Unternehmen fundamental wandeln, sondern auch die Rollen, die künftig von Menschen im Büro eingenommen werden. „Heute nutzen wir Anwendungen primär so: Wir klicken durch Masken, geben Daten ein, analysieren Berichte und leiten manuell Maßnahmen ein“, sagte er in einem Beitrag für das Computer-Fachmagazin IT-Business. Künftig werden jedoch KI-Agenten viele dieser Arbeiten übernehmen – und nicht zuletzt die Schlussfolgerungen aus den Informationen automatisiert ziehen: „Agenten analysieren Daten kontinuierlich im Hintergrund, relevante Muster und Anomalien werden proaktiv identifiziert und Vorschläge automatisch generiert.“ Seine Vision des künftigen Arbeitsplatzes sieht dabei eine völlig neue Managementrollen in den neuen Fachabteilungen: Weil in klar definierten Fällen dann Aktionen durch künstliche Intelligenz autonom angestoßen werden können (oder dürfen), werde der Mensch sich zum Reviewer, Challenger und Entscheider weiterentwickeln. Das wäre das Aus für das Jobverständnis des klassischen Sachbearbeiters, der Geschäftsvorfall für Geschäftsvorfall an einer Bildschirmmaske abarbeitet und oftmals lediglich einen Einzelaspekt eines komplexeren Geschäftsprozesses bearbeitet. KI-basierte Unternehmensanwendungen werden sich also nicht nur von den monolithischen Application Towers von vorgestern über Cloud-native Lösungen von heute zu agenten-getriebenen Analysen weiterentwickeln – auch das Verständnis vom Aufgabenumfeld der Menschen vor den Bildschirmen wird sich zu einer ganzheitlicheren Sicht auf die Geschäftsprozesse wandeln. Auf die Vereinzelung der Arbeitsschritte in einer arbeitsteiligen Büroumgebung folgend wird ein generelles Verständnis der Vorgänge gefordert. Und: Es darf angenommen werden, dass dadurch die Anzahl der Bildschirmarbeitsplätze im Büro deutlich sinkt. Wo heute, sagen wir, ein Team aus einem Dutzend Personen einen Geschäftsvorfall vom Anfang bis zum Ende arbeitsteilig durchgeht, reicht künftig möglicherweise nur noch ein Mensch aus. Das führt zu einem gigantischen, weil doppelten Einsparungseffekt: Es werden nicht nur weniger Arbeitskräfte im Büro benötigt, sondern auch weniger Computer-Arbeitsplätze. Das hat auch für Software-Anbieter wie SAP massive Konsequenzen, die derzeit ihre Preisstruktur in der Regeln nach der Anzahl der „Seats“, also der Zahl der User gestalten. (Aber das ist eine andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden muss.) Im Büro wandeln sich schon jetzt die Aufgabenstellungen für die Belegschaft massiv. Wo Heerscharen ihren Tag damit verbringen, Meetings vor- und nachzubereiten, Protokolle mitzuschreiben und zu verteilen und Aufgabenlisten anzuhaken, erleichtern schon jetzt Chatbots wie die auf ChatGPT aufbauenden Copiloten in den Microsoft-Produktivitätsanwendungen oder Gemini in den Google-Suiten die Arbeit. Künftig aber werden sie die Arbeit nahezu vollständig übernehmen, Transkripte von Meetings erstellen, zusammenfassen und in andere Sprachen übersetzen, Beschlüsse in Aufgaben runterbrechen und ihre Erledigung überwachen. Der berühmte Satz aus langweilen Meetings – „Zuerst der Status von allen Statusmeetings“ – wird gottseidank der Vergangenheit angehören. Ähnliches gilt für die Korrespondenz, die Kundenkommunikation, die Recherche in umfangreichen Quelltexten wie zum Beispiel gesetzliche Regelungen, die Erfassung von Buchungsdaten und ihre Auswertung im Controlling. Die sogenannte Zuarbeit wird automatisiert. Und in den Entlassungsplänen der großen Konzerne zeigt sich schon jetzt, dass praktisch die gesamte Schicht des Mittelmanagements als Kandidat für Einsparungen erkannt wird. Check and Balance wird mehr und mehr zu einer Aufgabe für künstliche Intelligenz. Die „Strombergs“ müssen abdanken. Kreativität, Intuition und Innovationsfähigkeit sind dagegen die Eigenschaften, die noch lange vor der Ablösung durch KI-Agenten gefeit sind. Nullsummenspiel am Arbeitsmarkt? Rund 1,6 Millionen Arbeitsplätze könnten in den kommenden 15 Jahren von einem durch KI-Agenten induzierten Transformationsprozess betroffen sein, mutmaßt das Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in einer zum Jahreswechsel veröffentlichten Untersuchung. Die Einschätzung des Forschungsarms der Bundesagentur für Arbeit ist allerdings durchaus als Entwarnung zu verstehen: Die Gesamtzahl an Arbeitsplätzen in Deutschland dürfte weitgehend konstant bleiben, wenngleich sich dahinter gewaltige Veränderungen verbergen. Rund 800.000 Arbeitsplätze könnten in dieser Zeit durch KI wegfallen und rund 800.000 andere neu entstehen. Ein Nullsummenspiel also? Nein, denn die Wirtschaft dürfte von diesem Transformationsprozess deutlich profitieren, meinen die Forscherinnen und Forscher des IAB – vorausgesetzt KI-Anwendungen kommen auch tatsächlich zum Einsatz. Sonst droht Jobverlust durch Bedeutungsverlust im globalen Wettbewerb. Das IAB sieht vor allem in den Unternehmensdienstleistungen gewaltige Veränderungspotenziale. Ist dabei aber noch deutlich konservativer als es KI-Protagonisten wie Milo Honegger von Oracle erwarten: Zu den Einsparungskandidaten der IAB zählen Sekretariats- und Schreibdienste sowie die Arbeit von Callcentern und Auskunfteien. In diesem Bereich werde die Zahl der Beschäftigten in den kommenden 15 Jahren voraussichtlich um rund 120.000 Menschen sinken. Doch wie die Beispiele in diesem Beitrag zeigen, könnte die Zahl der vom Wandel betroffenen Arbeitsplätze weit Darüber hinaus gehen. Das IAB rechnet außerdem damit, dass weniger Arbeitskräfte in den Bereichen Lager-Logistik, Gesundheitswesen, im Großhandel und in der öffentlichen Verwaltung gebraucht werden. Gerade in den Kommunen greift derzeit in der Tat eine Rationalisierungswelle, die durch Software-Erneuerung, Integration von Prozessen auch zwischen verschiedenen Behörden und dem Einsatz von KI-Agenten für sich wiederholende Tätigkeiten gespeist wird. Die Behörden treten damit auch dem sich abzeichnenden Fachkräftemangel durch das Ausscheiden der Baby-Bommer aus dem Arbeitsverhältnis entgegen. Mehr Erwerbstätige werden laut IAB voraussichtlich im Bereich IT- und Informationsdienstleister gebraucht. Dort könnte die Zahl der Erwerbstätigen in den nächsten 15 Jahren um 110.000 Menschen wachsen. Allerdings wandelt sich dort der Bedarf von reinen Programmierern und Systemadministratoren, deren Aufgabe durch künstliche Intelligenz weitgehend automatisiert werden kann, zu den Entwicklern der oben beschriebenen neuen Anwendungslandschaften auf Basis von teilautonomen KI-Agenten. Darüber hinaus, so meint das IAB dürften außerdem die Bereiche Erziehung und Unterricht, Gastgewerbe, Einzelhandel und Baugewerbe an Personal gewinnen. Schön wärs. Strukturwandel gestalten! Bedauerlicherweise werden die derzeit zu beobachtenden negativen Entwicklungen am Arbeitsmarkt weniger durch die Chancen bestimmt, die sich aus der Transformation durch Digitalisierung, Cloud Computing und künstlicher Intelligenz ergeben, sondern vor allem durch die massiven Belastungen aus zu hohen Löhne, galoppierenden Energiekosten, überbordenden Bürokratieaufwänden, einbrechenden Absatzmärkten, bedrückender Steuerlast und nicht zuletzt aus dem Investitionsbedarf aus Energiewende und Klimawandel. So warnen denn auch die Wissenschaftler Ole Teutloff und Fabian Baesermann von der Universität Oxford davor, den Wandel am Arbeitsmarkt monokausal durch die „KI-Brille“ zu erklären: „Angesichts all dieser gleichzeitig wirkenden Megatrends ist es schlicht unmöglich und letztlich irreführend, den isolierten Effekt von KI auf den Arbeitsmarkt identifizieren zu wollen – denn er tritt ja ohnehin nicht in Isolation auf“, warnen die beiden in einem Beitrag für die Fachzeitschrift Wirtschaftsdienst. Hinzu kommt mit Blick auf Deutschland ohnehin, dass die Unternehmen hierzulande seit nunmehr drei Jahren nicht nur weniger in die Modernisierung ihrer Arbeits- und Fertigungswelt investieren – sondern wenn überhaupt, dann lediglich als Ersatzbeschaffung für bestehende Maschinen, wie das Münchner ifo Institut ermittelte. Allerdings: Dadurch werden auch die Chancen, die sich durch künstliche Intelligenz in der Robotik und der Fertigungsautomation ergeben könnten, nicht im vollen Umfang genutzt. Und der Druck auf den Arbeitsmarkt ist in der Tat dramatisch: 2025 planten bereits 40 Prozent der Unternehmen in Deutschland Stellenstreichungen, die nun im laufenden Jahr wirksam werden. Die Ursachen werden je nach Branche unterschiedlich gewichtet: - - - - Automobilbau und Zulieferer : VW, ZF, Continental, Schaeffler, Ford und Bosch begründen ihre Maßnahmen mit Elektromobilität, Kostendruck und globaler Konkurrenz. - Chemie- und Pharmafirmen wie Evonik, Bayer und BASF sehen vor allem Kosten- und Strukturmaßnahmen als Grund für Stellenstreichungen. - Energietechnik und Versorger wie E.on, RWE und Siemens Energy sehen vor allem den Umbau zu erneuerbaren Energien und intelligenten Netzen als Ursache für den Personalabbau. - Im Maschinen- und Anlagenbau werden hingegen häufiger Automatisierung und KI-Einsatz als Begründung genannt. - Und in der Telekommunikation und Informationstechnik verändern Automatisierung und KI die Arbeitsplätze bei der Deutschen Telekom, Vodafone, Amazon, Google oder SAP, heißt es dort. Allein im Bereich Telekommunikation und Informationstechnik sind zuletzt 50.000 Stellen gestrichen worden, während weiterhin mehr als 100.000 Fachkräfte gesucht werden. Dies zeigt, dass künstliche Intelligenz inzwischen eindeutig seine Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat. Allerdings nur dort, wo der Strukturwandel als Chance für die digitale Transformation gesehen wird. Mittelständische Unternehmen sollten deshalb nicht allein aus Kostengründen auf Einsparungseffekte durch den KI-Einsatz setzen. Gerade in Krisenzeiten ist es entscheidend, den Blick auf morgen zu richten. Die Frage, wie man in Zukunft aufgestellt sein will, ist auch dann strategisch wichtig, wenn die finanziellen Spielräume derzeit gering sind. Der zielorientierte Einsatz von KI ist dabei ohne Frage ein essenzieller Bestandteil einer Transformation in die Zukunft. „Analog war gestern – Über unsere innere Verfassung“ erschien im Februar 2026. Wer neugierig geworden ist, kann das Buch zum Preis von 39,90 Euro direkt beim Verlag BoD oder im Buchhandel bestellen. Den Link dazu gibt es hier: https://buchshop.bod.de/analog-war-gestern-heinz-paul-bonn-9783695745371